Die Herausforderung WiWö-LeiterIn zu sein: Unterschied zwischen den Versionen

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Der Übergang zwischen herausfordernden Kindern und Kindern, die herausfordern, ist natürlich fließend. Es geht aber gar nicht um die Frage, wo die Grenze zwischen "normal" und "nicht normal" ist. In erster Linie kommt es darauf an jedem Kind das zu geben, was es braucht. Es ist nur die Frage, ob du das mit deinem Programm (Heimstunden, Lager, ...) kannst. Bedenke auch, dass die PPÖ "nur" eine Freizeitorganisation sind. Wir sind daher lediglich Miterzieher der uns anvertrauten WiWö. Die letztendliche '''Verantwortung''' für sie haben die jeweiligen Eltern (bzw. Erziehungsberechtigten). Ziel der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei den PPÖ (und somit auch dein Ziel) ist die Entwicklung der Kinder zu unterstützen und zwar in Zusammenarbeit mit anderen erzieherischen Akteuren (Familie, Schule, ...). Aber wir können nie diese Akteure ändern oder ihre Wirkung ungeschehen machen. Sollte daher der Fall eintreten, dass du an '''deine persönlichen Grenzen''' stößt und einzelne Kinder oder die Gruppe dadurch gefährdet sind, ist es leider notwendig den Eltern nahe zu legen, das Kind aus der Gruppe zu nehmen. Du bist als Kinder- und JugendleiterIn nicht dazu ausgebildet, therapeutische Maßnahmen zu treffen – das wäre verantwortungslos. Dafür gibt es ExpertInnen! Du würdest womöglich mit deinem "gut gemeinten" Handeln auch das betroffene Kind in Gefahr bringen.
 
Der Übergang zwischen herausfordernden Kindern und Kindern, die herausfordern, ist natürlich fließend. Es geht aber gar nicht um die Frage, wo die Grenze zwischen "normal" und "nicht normal" ist. In erster Linie kommt es darauf an jedem Kind das zu geben, was es braucht. Es ist nur die Frage, ob du das mit deinem Programm (Heimstunden, Lager, ...) kannst. Bedenke auch, dass die PPÖ "nur" eine Freizeitorganisation sind. Wir sind daher lediglich Miterzieher der uns anvertrauten WiWö. Die letztendliche '''Verantwortung''' für sie haben die jeweiligen Eltern (bzw. Erziehungsberechtigten). Ziel der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei den PPÖ (und somit auch dein Ziel) ist die Entwicklung der Kinder zu unterstützen und zwar in Zusammenarbeit mit anderen erzieherischen Akteuren (Familie, Schule, ...). Aber wir können nie diese Akteure ändern oder ihre Wirkung ungeschehen machen. Sollte daher der Fall eintreten, dass du an '''deine persönlichen Grenzen''' stößt und einzelne Kinder oder die Gruppe dadurch gefährdet sind, ist es leider notwendig den Eltern nahe zu legen, das Kind aus der Gruppe zu nehmen. Du bist als Kinder- und JugendleiterIn nicht dazu ausgebildet, therapeutische Maßnahmen zu treffen – das wäre verantwortungslos. Dafür gibt es ExpertInnen! Du würdest womöglich mit deinem "gut gemeinten" Handeln auch das betroffene Kind in Gefahr bringen.
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==Grenzen==
 
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Geht es dir ähnlich wie Puck und Mogli? Eine ganze Menge, was in diesem Kapitel zusammen gekommen ist – das gebe ich zu. Aber verzweifeln musst du nicht: Bedenke nur immer wo deine Grenzen als WiWö-LeiterIn sind. Wenn du ehrlich zu dir selber bist und auf deine innere Stimme hörst, kannst du dabei nicht so falsch liegen. Was es mit diesen Grenzen auf sich hat, wie du herausfinden kannst, wo sie liegen, erfährst du im nächsten Kapitel. Viele Grenzen musst du selber bestimmen, aber viele sind auch vorgegeben – vom Gesetzgeber zum Beispiel. Aber davon, wie gesagt, mehr im nächsten Kapitel.
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Geht es dir ähnlich wie Puck und Mogli? Eine ganze Menge, was in diesem Kapitel zusammen gekommen ist – das gebe ich zu - und weiter unten gibt es sogar noch Links zu mehr. Aber verzweifeln musst du nicht: Bedenke nur immer wo deine Grenzen als WiWö-LeiterIn sind. Wenn du ehrlich zu dir selber bist und auf deine innere Stimme hörst, kannst du dabei nicht so falsch liegen. Was es mit diesen Grenzen auf sich hat, wie du herausfinden kannst, wo sie liegen, erfährst du im nächsten Kapitel. Viele Grenzen musst du selber bestimmen, aber viele sind auch vorgegeben – vom Gesetzgeber zum Beispiel. Aber davon, wie gesagt, mehr im Kapitel [[Deine Verantwortung als WiWö-LeiterIn]].
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* '''[[PWA - PfadfinderInnen wie alle]]'''
 
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Ein Kind, das ständig kritisiert wird, lernt zu verdammen.<br>
 
Ein Kind, das geschlagen wird, lernt selbst zu schlagen.<br>
 
Ein Kind, das verhöhnt wird, lernt Schüchternheit.<br>
 
Ein Kind, das der Ironie ausgesetzt wird, bekommt ein schlechtes Gewissen.<br>
 
Aber ein Kind, das ermuntert wird, lernt Selbstvertrauen.<br>
 
Ein Kind, dem mit Toleranz begegnet wird, lernt Geduld.<br>
 
Ein Kind, das gelobt wird, lernt Bewertung.<br>
 
Ein Kind, das Ehrlichkeit erlebt, lernt Gerechtigkeit.<br>
 
Ein Kind, das Freundlichkeit erfährt, lernt Freundschaft.<br>
 
Ein Kind, das Geborgenheit erleben darf, lernt Vertrauen.<br>
 
Ein Kind, das geliebt und umarmt wird, lernt Liebe in dieser Welt zu empfinden.<br>
 
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==Literatur==
 
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* Hobmair Hermann: Pädagogik (Stam Verlag) ISBN 3-8237-5000-3
 
* Hobmair Hermann: Pädagogik (Stam Verlag) ISBN 3-8237-5000-3
 
* Barclay, Vera: Dschungelweisheit (Deutscher Spurchbuchverlag) ISBN 3-8877-8188-0<br>(interessante Geschichte aus dem Dschungelbuch zum Thema "Strafe" und ihre Interpretation im Kapitel V; S.33-34)
 
* Barclay, Vera: Dschungelweisheit (Deutscher Spurchbuchverlag) ISBN 3-8877-8188-0<br>(interessante Geschichte aus dem Dschungelbuch zum Thema "Strafe" und ihre Interpretation im Kapitel V; S.33-34)
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[[Kategorie:Die Herausforderung WiWö-LeiterIn zu sein]]
 
[[Kategorie:Die Herausforderung WiWö-LeiterIn zu sein]]

Aktuelle Version vom 11. Dezember 2007, 20:42 Uhr

Puck in Schwierigkeiten

Wenn du dich an das erste Kapitel "Die WiWö als erste Stufe der PPÖ" in diesem Behelf erinnerst, haben wir uns dort über "die Eigenschaften der meisten Kinder zwischen 7 und 10 Jahren" Gedanken gemacht und daraus die Grundzüge der WiWö-Stufe bei den PPÖ abgeleitet. Allerdings haben wir dort auch vermerkt, dass jedes Kind eine individuelle Persönlichkeit ist, und dass wir uns Zeit nehmen müssen, jedes einzelne Kind auch wirklich kennen zu lernen. Diese Zeit wollen wir uns jetzt nehmen und uns die positiven Seiten, aber auch solche die uns Probleme bereiten oder die wir nicht gleich verstehen, näher betrachten. Wir wollen uns auch anschauen, wie du als LeiterIn mit deinem Verhalten als Vorbild und Bezugsperson die WiWö in ihrer Entwicklung unterstützen kannst.

Du bist ein Vorbild

Kinder lernen nicht nur wenn sie in der Schule sitzen, ihre Hausaufgaben machen oder bei dir den Weberknoten lernen. Kinder lernen eigentlich ständig, sie "saugen" alles auf, was um sie passiert und probieren Verhaltensweisen dann selber aus. Man nennt das auch "imitierendes Lernen".

Natürlich sind die wichtigsten Vorbilder in den Familien der Kinder zu finden. Aber du als Kinder- und JugendleiterIn bist auch ein Vorbild und wirst beobachtet. Dabei geht es nicht nur um Standardsituationen wie das "Nicht bei Rot über die Straße gehen" – Kinder beobachten auch wie du auf kleine Probleme im Alltag reagierst, wie du mit Fremdem umgehst, ob du pünktlich bist oder wie du es mit der Ehrlichkeit hältst. Das heißt: Deine WiWö beobachten deine ganze Persönlichkeit und versuchen sie zu imitieren. Dein Verhalten ist ein wichtiger Teil, der das Verhalten des Kindes mitbestimmt. Du hast damit eine große Verantwortung. Es ist vor allem ein Auftrag, selbst an deiner Persönlichkeit zu arbeiten – damit du ein gutes Vorbild für deine WiWö sein kannst.

Kinder fordern heraus

In diesem Kapitel nehmen wir uns auch vor, auch die Eigenheiten einzelner WiWö an zu schauen. Wir können uns aber natürlich nicht jedes deiner WiWö einzeln anschauen – ich kenn sie ja gar nicht. Aber – wenn du schon eine Zeit WiWö leitest – weißt du, dass es da Kinder gibt, die dich besonders herausfordern. Es sind nicht immer die selben, einmal ist’s der, einmal die. Sicher hast du mit deinen Kindern nicht nur lustige, sondern auch jede Menge unangenehme Situationen erlebt, und dich danach oft gefragt, warum Kinder andere prügeln, nicht mitspielen, alles zerstören oder überhaupt nicht zu bändigen sind. Kinder fordern dich heraus: Pädagogische Tätigkeit ist nicht immer einfach.

Ursachen

Wenn dir ein Kind besonders auffällt, kann das viele Ursachen haben:

  • was ein Kind im Laufe seines Lebens erfahren hat;
  • Krisensituationen in der Familie oder Schule;
  • Schwierigkeiten mit anderen Personen;

Was in einem konkreten Fall die Ursache für ein Verhalten ist, liegt meist sehr tief verborgen und selbst Profis können sie schwer ergründen. Wenn sich aber sogar gescheite WissenschaftlerInnen schwer tun das heraus zu finden, wie sollen dann Kinder erklären, warum sie so sind, wie sie sind. Ein Beispiel einer Ursache: Frustration kann zum Auslöser von Desinteresse oder Aggression werden. Dazu ein Fallbeispiel:

Markus denkt sich in der Heimstunde: Oje, alle stehen schon in einer Reihe. Andi und Hannes beginnen schon die Mitglieder ihrer Mannschaften auszuwählen. Natürlich wird Thomas als erster gewählt. Er ist der beste und schießt am schärfsten. Fred ist genau so schlecht wie ich, hoffentlich werde ich heute vor ihm aufgerufen. Mir ist das alles sehr unangenehm. Ob ich sagen soll, mit tut der Fuß weh! Zu spät! Ich stehe schon wieder als letzter da. Das Spiel beginnt. Natürlich werde ich als erster abgeschossen! Den Rest des Spiels langweile ich mich am Spielfeldrand.

Wie würde es dir in dieser Situation gehen? Welche Situationen machen dich wütend oder traurig? Wie reagierst du für gewöhnlich deinen Frust oder Ärger ab? – Wenn du diese Fragen für dich beantwortest, kommst du vielleicht schon auf einige Situationen, wo ein WiWö auf einmal zu einem Kind wird, das dich herausfordert. Markus könnte – statt sich zu langweilen und unbeteiligt da zu sitzen – auch einen anderen Weg wählen: Er könnte aggressiv werden und den Ball irgendwo hinschmeißen, sodass sich wer weh tut oder eine Scheibe zu Bruch geht. Ob ein Kind auf Frustration aggressiv reagiert, hängt davon ab, inwieweit das Kind aggressive Verhaltensweisen in der Vergangenheit gelernt hat – das haben wir schon ein paar mal in diesem Kapitel angedeutet.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass störendes Verhalten von Kindern nicht unbedingt mutwillig passiert. Zwischen dem 6. und 11. Lebensjahr steckt das Kind in einer besonderen Phase: Betätigungsdrang und Betriebsamkeit sind von großer Bedeutung. Zusätzlich spielt das Bedürfnis nach Geltung und Erfolg in diesem Lebensabschnitt eine wichtige Rolle. Minderwertigkeitsgefühle können daher dann entstehen, wenn kindliche Aktivitäten als "dumm, mutwillig oder störend" zurückgewiesen werden. Wertschätzung von für sie wichtigen Bezugspersonen ist für WiWö daher von größter Bedeutung!

Neben Frustrationserlebnissen gibt es noch andere Gründe, warum Kinder "herausfordern" und den Ablauf einer Heimstunde "stören". Ich will dir hier einige aufzählen:

  • dicht gedrängtes Programm in der Heimstunde - Zu starre Zeitlimits können bei Kindern Stress, Unzufriedenheit und Unwohlsein auslösen.
  • einseitiges Programm – Deine WiWö können überfordert sein, das "frustet"; oder sie sind unterfordert, dann langweilen sie sich. Bedenke auch, dass deine WiWö unterschiedlich alt sind und daher auch unterschiedliche Ansprüche an dein Programm stellen.
  • unklare Anleitungen und Spielerklärungen
  • starres Programm - Bringen Kinder Konflikte von der Schule oder Zuhause mit, dann ist es ihnen oft unmöglich, konzentriert bei einer Sache zu bleiben. In diesem Fall ist es sicher gut, das geplante oder zu anspruchsvolle Programm umzukrempeln, zu kürzen, aufs nächste Mal zu verschieben und durch einfache, bekannte Spiele zu ersetzen.
  • keine oder zu wenig Möglichkeit zum Austoben - Bestimmte Spiele eignen sich gut, "überschüssige Energien" der Kinder in geordnete Bahnen zu lenken. Diese Spiele setzt du am besten zu Beginn der Heimstunde ein.
  • inkonsequentes Verhalten seitens der WiWö-Leitung und unklare Regeln - Klare Regeln, die mit den Kindern ausgemacht wurden, machen ein ständiges Fragen, Stören und "um Erlaubnis bitten" nicht mehr nötig.
  • zu viele Wettkampfspiele - Soziale Spiele, Geschichten und Kreatives nehmen von manchen Kindern den sozialen Druck, gewinnen und vor den anderen bestehen zu müssen, weg.
  • zu wenig "Beständiges" - Immer Wiederkehrendes und Bekanntes wirkt beruhigend auf Kinder (z. B. Zeremonien, Abschiedsrituale, bekannte Spiele, ...) und machen sie sicher.

Diese Hintergründe sind Möglichkeiten, wo die Ursachen des Verhaltens deiner Kinder liegen könnten! Wie gesagt gibt es aber keine Patenterklärungen warum Kinder sind, wie sind. Wichtig ist, dass du deine WiWö mit ihren Eigenheiten respektierst, denn sie haben das Recht dazu, so zu sein, wie sie sind. Das Kind ist nicht das Problem, es hat zur Zeit ein Problem. Gerechtigkeit heißt hier nicht, alle gleich zu behandeln, sondern jedem Kind gerecht zu werden. Damit sind wir aber schon bei Ansätzen, mit Kindern, die herausfordern, um zu gehen. Und dem wollen wir einen eigenen Abschnitt widmen.

Ansatz für Problemlösung

Genauso wie einseitige Erklärungsversuche und schnelle Vorurteile über die Ursachen gefährlich sind, sind allzu einfache Lösungen riskant. Patentlösungen gibt es genau so wenig wie Patenterklärungen. Jedes Kind ist eben anders, reagiert auf Situationen anders und es gibt immer mehr als eine Ursache für ein Problem. Daher sind auf jeden Fall individuelle Lösungen nötig – das fordert dich wieder heraus. Nimm die Herausforderung an! Du und deine Gruppe können sicher vieles dabei lernen! Beobachte über einen bestimmten Zeitraum hinweg in welcher Situation einzelne WiWö zu einer Herausforderung für dich werden! Vielleicht ist es möglich, das eine oder andere in der Heimstunde zu verändern. Und vielleicht hilft diese Veränderung dem Kind, das herausfordert, nicht mehr auffallen zu müssen. Die wichtigste Regel bei allen Gegenmaßnahmen: Vorbeugen ist besser als Heilen. Daher die Hauptfrage:

Wie kannst du verhindern, dass es überhaupt so weit kommt?

Da hast du natürlich vielfältige Möglichkeiten – gerade weil das Programm der WiWö und der PPÖ genau den richtigen Ansatz bietet: Das ganze Kind in all seinen Persönlichkeitsaspekten zielorientiert und möglichst abwechslungsreich an zu sprechen. Aber natürlich sind dir teilweise die Hände gebunden. Ein Wichtel oder Wölfling ist eine Heimstunde pro Woche und ein paar Wochenenden plus Sommerlager bei dir. In dieser Zeit kannst du einem Kind nicht helfen all seine Probleme zu lösen aber du kannst einen wertvollen Beitrag leisten. Das geht aber sicher nicht von heute auf morgen. Der Erfolg deiner Anstrengungen, deines Verständnisses und vermehrter Zuwendung tritt nicht sofort ein. Langjährige schlechte Erfahrungen kann ein Kind nicht so schnell vergessen. Aber Kinder die herausfordern merken es ziemlich schnell, wenn man sie gern hat und ihre Eigenheiten respektiert, auch wenn sie alle ihre Schwierigkeiten nicht sofort los werden können.

Hier ein paar Anregungen, wie du diesen Beitrag leisten kannst:

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  • Versuche Aggressionen anderer zu verstehen. Sie kommen von
    • Überforderung
    • Vernachlässigung
    • verletztem Gerechtigkeitssinn
    • Widerstand gegen eigenes Selbständigkeitsbestreben
    • Missachtung eigener Bedürfnisse
  • Lass deine WiWö ausreichend austoben. Das löst Verkrampfungen und Aggressionen. Kinder, die ihre Aggression ausleben dürfen, werden mit der Zeit ruhiger. Zugleich müssen sie viel Geborgenheit und Anerkennung erfahren, dass sie ihre Aggression nicht mehr brauchen.
  • Sei dir deiner Vorbildwirkung bewusst! Setze deine eigenen aggressiven Gefühle (und die hast du!) nicht in aggressives Verhalten um.
  • Vermeide den autoritären Führungsstil, wenn er nicht unbedingt nötig ist. Aggressionen werden sonst auf "Sündenböcke" innerhalb der Gruppe gerichtet - nicht auf dich!
  • Sorge dafür, dass deine WiWö ihre Gefühle zeigen und ausleben und einen eigenen Willen haben dürfen.
  • Deine WiWö haben ein Recht auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und darauf, kindgerecht angesprochen zu werden.
  • Zeichnen-Malen-Werken ist ein "Aussprechen" für das Kind. Kinder die sprachlich nicht im Stande sind gut zu formulieren, können so ihre Gemütslage ausdrücken. Gib ihnen ausreichend Gelegenheit dazu!
  • Gestalte deine Heimstunden abwechslungsreich (so dass Herz, Hirn und Hand ausgewogen angesprochen werden) und plane sie sorgfältig.
  • Sei flexibel! Wenn deine WiWö das Bedürfniss haben, sich aus zu toben, gib ihnen die Möglichkeit und verschiebe schon Geplantes auf ein anderes mal. Das Programm ist für die Kinder da, nicht die Kinder fürs Programm.
  • Verwende das Spiel als Methode. Im Spiel kann das Kind sich abreagieren, es kann gefährliche Szenen gefahrlos wiederholen und draus lernen.
  • Stärke das Selbstbewusstsein der WiWö durch häufiges Lob.
  • Lehre deine WiWö Konflikte so zu lösen, dass alle zufrieden gestellt sind.
  • Setze Grenzen klar und eindeutig - und zwar gemeinsam mit deinen WiWö.
  • Biete deinen WiWö klare und eindeutige Orientierungshilfen in eurem Volk bzw. eurer Meute: eigenes konsequentes Verhalten, geregelter Heimstunden-/ Tagesablauf am Lager, einen Ordnungsrahmen, Identifikationsmöglichkeiten mit der Gruppe.

Beispiele

Wir haben hier noch für dich einen Zusammenstellung von typischen Fällen, die herausfordern. Bedenke aber das oben Gesagte: Es gibt kein Kind, auf den eine diese Beschreibungen hundertprozentig zutrifft. Wir haben daher auch keine eindeutige Lösung für diese "Spezialfälle". Aber wir haben jeweils ein paar Anregungen vermerkt, die dir bei einer Verbesserung der Situation helfen können.

Isolierte Kinder

Überlege, welche Stärken das Kind hat, die es in die Meute/das Volk einbringen könnte. Hat das Kind auch außerhalb der Gruppe wenig Freunde? Warum ist das so (Verhalten, Aussehen, ...)? Es gibt viele Gemeinschaftsspiele, mit denen du das Kind näher an die Gruppe heranführen kannst. Achte genau auf die Gruppeneinteilungen, die du triffst. Beachte, dass du als LeiterIn verstärkt deine Rolle als Bezugsperson wahrnehmen musst. Versuche das Kind immer wieder bewusst ein zu beziehen.

Störende Kinder

Was könnte (will) das Kind durch sein Stören mitteilen? Zum Beispiel:

  • "Beachtet mich!"
  • "Ich will auch einmal im Mittelpunkt stehen!"
  • "Ich brauche besondere Zuwendung!"
  • "Mir ist langweilig!"

Gehemmte Kinder

Frage dich, wovor genau das Kind Angst hat! Angst entsteht aus einem Gefühl der Schwäche. Der Vergleich zwischen der eigenen Schwäche und der Bedrohung verstärkt dann das Angstgefühl. Angstausbrüche treten immer dann auf, wenn sehr intensive Wünsche und Bedürfnisse weder befriedigt noch auf irgendeine Weise bewältigt werden können.

Heimweh

Hier hilft dir vielleicht eine neue Betrachtungsweise, um an diese Herausforderung positiv heran zu gehen: Es ist doch auch schön und gut, wenn deinen WiWö ihr zu Hause ab geht. Gegen Heimweh am Lager gibt es viele Patentmittel.

Raufen

Auch das Raufen kann ganz verschieden Ursachen haben. Manche Kinder raufen, weil sie ihren Mangel an Körperkontakt ausgleichen wollen ohne dass man merken soll, was ihnen eigentlich fehlt. Andere wollen im Mittelpunkt stehen, viele bauen ihre Aggressionen dabei ab. Kinder können sich oft nicht richtig ausdrücken und daher Streitsituationen nicht anders lösen als zu raufen. Biete ihnen andere Lösungsmöglichkeiten für ihre Konflikte an und zeig ihnen, wie sie ihre Wut so entladen können, dass kein anderer zu Schaden kommt (z.B. Polster werfen, Negatives aus Knetmasse formen und dann zerstören, "Luftpolster"-Verpackungsmaterial zerdrücken,...).

Angst haben, zu verlieren

Setzte vermehrt Spiele ohne Gewinner und Verlierer ein, das vermeidet Bloßstellungen vor anderen Kindern. Hebe nicht nur die Siegermannschaft hervor, sondern belohne mehr noch andere Kriterien (Fairness, Zusammenhalt,...). Lob für gute Leistungen stärkt das Selbstbewusstsein deiner WiWö. Überlege dir, ob du so viele unterschiedliche Spiele(varianten) anbietest, dass nicht immer die selben WiWö gewinnen. Such dir eine Geschichte, die dieses Thema behandelt - Kinder können sich damit identifizieren und so selber ihr Problem angehen.

Egoismus

Versuche mal Spiele, wo deine WiWö auf den/die andereN angewiesen sind (z.B. Staffelläufe). Auch Spiel ohne Gewinner und Verlierer zeigen, dass es nicht immer nur um den eignen "Sieg" geht und trotzdem lustig sein kann. Auch hier gibt es viele Geschichten, die du einsetzen kannst.

Lügen

Im WiWö-Alter lügen manche Kinder. Diese Kinderlügen dürfen als nichts Tragisches angesehen werden. Viele davon kommen durch zu intensives Fantasieleben zustande. Es reicht, wenn wir uns dessen als LeiterIn bewusst sind. Im Laufe der Entwicklung vom WiWö zum GuSp wird die Phantasie ohnedies zurück gehen.

Stehlen

Geld und Besitz spielen auch für Kinder eine Rolle. Für kleinere WiWö ist es manchmal noch schwierig, "Mein" und "Dein" zu unterscheiden und anzuerkennen. Bei älteren WiWö geht es beim Stehlen eher um Achtung und Prestige in der gleichaltrigen Gruppe. Stehlen wird daher oft als "Mutprobe" betrieben. Versuche bei deinen Gegenmaßnahmen die Wichtigkeit von Geld oder Besitz nicht noch mehr zu betonen. Stehlen ist auch ein Zeichen für zuwenig Zuwendung (im Mittelpunkt stehen wollen). Schließe WiWö, die gestohlen haben, daher nicht von der Gemeinschaft aus. Das wäre kontraproduktiv. Versuche das Problem in der Gruppe zu thematisieren. Versucht gemeinsam zu verstehen, warum jemand gestohlen hat. Wie kann der Schaden wieder gut gemacht werden?

Strafen

Wenn du dich zurück erinnerst haben wir schon im Kapitel "Die Heimstunde" diese Thema kurz angeschnitten. Wir wollen hier ein bisschen näher darauf eingehen. Eine Strafe hat nur dann einen Sinn, wenn ein Kind sich trotz Ermahnungen (Verhaltensregeln, Ordnungsrahmen, ...) ganz bewusst falsch verhalten hat. Es soll keine Aktion gegen das Kind sein, sondern eigentlich in Kooperation mit dem betroffenen Kind erfolgen. Daher musst du beim Strafen folgende Punkte beachten:

  • Jede Strafe muss sinnvoll sein. Sie muss dazu verhelfen, dass das Kind sich in der nächsten ähnlichen Situation richtig verhält. (z.B.: Wenn ein WiWö mit Absicht Möbel beschmiert, dann macht ihr aus, dass es hilft, diese Möbel zu putzen.)
  • Missverständnisse, ein Missgeschick oder Versagen darfst du niemals bestrafen. Das wäre ungerecht.
  • Wenn du eine Strafe androhst, musst du sie auch ausführen, sonst wirst du unglaubwürdig. Überlege dir gut, welche Strafen du für welches Vergehen androhst!
  • Strafe nicht durch beleidigtes Gebaren! Damit erinnerst du nur ständig an alte Fehler. Nach jeder Strafe muss das Kind das Gefühl haben, dass alles vorbei, "vergeben und vergessen" ist.
  • Schlagen ist auf keinen Fall eine Strafe, sondern unbeherrschtes Abreagieren des eigenen Ärgers!!! Du hast mit einer Anzeige zu rechnen!

Bevor du strafst, versuche herauszufinden, wo die eigentliche Ursache für das falsche Verhalten des Kindes liegt. Das Verhalten der Kinder wird (wie weiter oben ausgeführt) wesentlich durch Einflüsse von Außen bestimmt. Viele dieser Einflüsse kannst du in Erfahrung bringen. Wenn ein Kind aggressiv ist weil es am Schulweg von seinen Kameraden verprügelt wurde, so wird durch eine Strafe von dir nur alles noch schlechter. Versuch, auf längere Zeit gesehen Fehlverhalten nicht zu bestrafen, sondern deinen WiWö das zu geben, was ihnen fehlt (im Mittelpunkt stehen, Zuwendung geben, mehr Bewegung, friedliche Möglichkeiten zum Abreagieren, ...) – und zwar bevor es zu Problemen kommt. Du darfst aber nicht den Fehler machen, dem Kind das was ihm fehlt, unmittelbar nach der "Missetat" überschwänglich zu geben – dann wirkt es nämlich als Belohnung für das Unrechte.

Kinder, die herausfordern

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Fast Mogli, fast. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Im letzten Kapitel ging es um alle Kinder im Volk/in der Meute. Sie alle haben ihre Besonderheiten – und manchmal haben sie eben auch Besonderheiten, die dich als Kinder- und JugendleiterIn herausfordern. Welche Maßnahmen du dann ergreifen kannst, haben wir im letzten Abschnitt beschrieben. Es kann aber auch sein, dass deine Bemühungen solche Herausforderungen zu meistern, nicht fruchten und das Verhalten eines Kindes für dich und für die anderen Kinder in der Heimstunde eine zu große Belastung ist. In diesem Fall musst du Konsequenzen ziehen. Konsequenzen, zu denen du ruhig stehen darfst und auch sollst. Folgende Vorgangsweise bei solchen - zugegeben nicht leichten – Entscheidungen ist sinnvoll:

  • Wahrnehmen des Problems: "Da stimmt doch was nicht!" Beobachte möglichst objektiv, vermeide Wertungen des Verhaltens.
  • Problemanalyse: "Was ist da eigentlich los?"
  • Überprüfung der Information: "Stimmt denn das überhaupt?"
  • Beurteilung des Problems: "Was soll ich davon halten?"
  • Erklärung des Problems: "Woher kommt es, welche Gründe kann es geben?"
  • Suche nach Lösungswegen: "Was soll ich tun?"
  • Nähere Zielbestimmung: "Was will ich erreichen?"
  • Sammeln von Lösungsansätzen: "Welche Möglichkeiten gibt es?"
  • Bewertung der Lösungsmöglichkeiten: "Welche Vor- und Nachteile haben die verschiedenen Möglichkeiten?"
  • Entscheidung

Sehr wichtig ist, dass du all diese Schritte nicht alleine "im stillen Kämmerchen" durchführst. Besprich dich mit deinem Team, mit deiner Gruppenleitung und anderen LeiterInnen aus deiner Gruppe. Sprich mit den Eltern des Kindes, seiner LehrerIn und frag ruhig ExpertInnen wenn du nicht weiter weißt.

Der Übergang zwischen herausfordernden Kindern und Kindern, die herausfordern, ist natürlich fließend. Es geht aber gar nicht um die Frage, wo die Grenze zwischen "normal" und "nicht normal" ist. In erster Linie kommt es darauf an jedem Kind das zu geben, was es braucht. Es ist nur die Frage, ob du das mit deinem Programm (Heimstunden, Lager, ...) kannst. Bedenke auch, dass die PPÖ "nur" eine Freizeitorganisation sind. Wir sind daher lediglich Miterzieher der uns anvertrauten WiWö. Die letztendliche Verantwortung für sie haben die jeweiligen Eltern (bzw. Erziehungsberechtigten). Ziel der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei den PPÖ (und somit auch dein Ziel) ist die Entwicklung der Kinder zu unterstützen und zwar in Zusammenarbeit mit anderen erzieherischen Akteuren (Familie, Schule, ...). Aber wir können nie diese Akteure ändern oder ihre Wirkung ungeschehen machen. Sollte daher der Fall eintreten, dass du an deine persönlichen Grenzen stößt und einzelne Kinder oder die Gruppe dadurch gefährdet sind, ist es leider notwendig den Eltern nahe zu legen, das Kind aus der Gruppe zu nehmen. Du bist als Kinder- und JugendleiterIn nicht dazu ausgebildet, therapeutische Maßnahmen zu treffen – das wäre verantwortungslos. Dafür gibt es ExpertInnen! Du würdest womöglich mit deinem "gut gemeinten" Handeln auch das betroffene Kind in Gefahr bringen.

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Grenzen

Geht es dir ähnlich wie Puck und Mogli? Eine ganze Menge, was in diesem Kapitel zusammen gekommen ist – das gebe ich zu - und weiter unten gibt es sogar noch Links zu mehr. Aber verzweifeln musst du nicht: Bedenke nur immer wo deine Grenzen als WiWö-LeiterIn sind. Wenn du ehrlich zu dir selber bist und auf deine innere Stimme hörst, kannst du dabei nicht so falsch liegen. Was es mit diesen Grenzen auf sich hat, wie du herausfinden kannst, wo sie liegen, erfährst du im nächsten Kapitel. Viele Grenzen musst du selber bestimmen, aber viele sind auch vorgegeben – vom Gesetzgeber zum Beispiel. Aber davon, wie gesagt, mehr im Kapitel Deine Verantwortung als WiWö-LeiterIn.

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Literatur

  • Marmet Otto: Ich und du und so weiter; eine kleine Einführung in die Sozialpsychologie (Piper) ISBN 3-407-22025-1
  • Hobmair Hermann: Pädagogik (Stam Verlag) ISBN 3-8237-5000-3
  • Barclay, Vera: Dschungelweisheit (Deutscher Spurchbuchverlag) ISBN 3-8877-8188-0
    (interessante Geschichte aus dem Dschungelbuch zum Thema "Strafe" und ihre Interpretation im Kapitel V; S.33-34)